«Eine Woche Städte besuchen, die wir nicht kennen, Worte hören, deren Bedeutung wir nicht verstehen, einer Musik lauschen, deren Töne unsere Körper in Schwingungen versetzen, Kunst betrachten, die unsere Erfahrung vertieft, Speisen kosten, die unsere Geschmackswelt erweitern. Nachts erholen wir uns in kleinen Hotels. Lore, was hältst du davon?» Mit vor Freude blitzenden Augen sieht Nils seine Freundin an.
«Du schlägst vor, eine Woche in eine andere Welt einzutauchen, in der alles für uns unbekannt ist und wir nur machen, wozu wir Lust haben? So, wie damals?» Eine Welle der Erregung erfasst Lore.
Nils nickt, «fünfundzwanzig Jahre sind wir zusammen, das möchte ich mit dir feiern.»
Sie umarmen und küssen sich leidenschaftlich.
«Aber du darfst in dieser Woche nicht arbeiten. Versprichst du es Lore?»
«Nichts lieber als das. Morgen beantrage ich Urlaub.»
«Eine ganze Woche wollen Sie Urlaub haben?» Ihr Chef starrt sie an. «Das muss ich mir überlegen, fragen Sie mich nächste Woche.» Er schiebt die Manschette seines Ärmels hoch und schaut auf das Ziffernblatt seiner Uhr. «Was steht auf der Tagesordnung für die nächste Sitzung?“ Schmallippig betrachtet er ihr Gesicht. «Ist die Besprechungsmappe vorbereitet?»
Lore brieft ihn und reicht ihm die Mappe mit den Beschlussvorlagen.
Auf dem Weg zurück in ihr Arbeitszimmer kämpft sie mit ihrem Ärger. Das Diensthandy vergesse ich in der Eile zu Hause. Außerdem befindet sich der Glasfaserausbau in dem Land, in das wir fahren, im Anfangsstadium. Da gibt es so viele Funklöcher, dass ich nicht erreichbar bin. Als sie ihren Büroraum erreicht, ist es Zeit für die Mittagspause. In einem Pulk von Menschen, die aus der U-Bahn kommen, eilt sie in die Fußgängerzone, um sich etwas zu essen zu kaufen.
Am Nachmittag spricht ihr Chef sie an, «Sie sind heute Mittag wieder einfach an mir vorbeigelaufen, ohne mich zu grüßen. Das ist jetzt schon öfter passiert. Machen Sie das extra? Wollen Sie nicht mit mir gesehen werden?»
Lore bemerkt die Hitze, die in ihr aufsteigt, zerknirscht sagt sie, «das tut mir leid, ich war in Eile und in Gedanken, ich habe Sie wirklich nicht gesehen.»
Sein Telefon klingelt, er führt das Handy an sein Ohr und eilt, ohne ein weiteres Wort an sie zu richten, in sein Büro. Verstohlen sieht Lore sich um, der Flur ist verlassen. So ein Mist, in seinem grauen Anzug sieht er aus wie alle Anzugträger.
«Hat er den Urlaub genehmigt», fragt Nils am Abend.
Sie schüttelt den Kopf, «mir ist was Blödes mit ihm passiert.»
Nils lacht laut auf, als sie ihm erzählt, dass sie ihren Chef in der Mittagspause erneut übersehen hat.
«Er hat ein Allerweltsgesicht. Wenn du nicht gezielt nach ihm Ausschau hältst, passiert so was.»
Mit immer neuen Floskeln hält der Chef sie, ohne eine Entscheidung, hin. Lore bittet um einen persönlichen Termin.
«Na, Sie kommen ohne Unterlagen, was gibt es denn?»
«Ich habe alle Termine für die nächsten zehn Tage vorbereitet und die aktuelle Auswertung des Umsetzungscontrollings für Sie ausgedruckt. Die Mappen für jeden Termin habe ich für Sie in Ihrem Vorzimmer bereit
gelegt. Bitte genehmigen Sie mir den Urlaub. Er ist wichtig für mich. Es sind doch nur fünf Tage.» Sie hält die Luft an. Wenn er jetzt wieder nicht zustimmt, kündige ich.
Er zieht ein sorgfältig gefaltetes Stofftaschentuch aus der Anzugjacke, schüttelt es auseinander und schnaubt sich umständlich die Nase. Dann knüllt er es zusammen und presst es in seine Jackentasche, «aber Sie sind für mich jeden Tag erreichbar.»
© Petra Jakoby, 14.04.2026, ohne KI, artepj@web.de
