«Avril hatte mir eine Liste mit Schutzmaßnahmen erstellt, die ich in Gedanken durchging. Ich holte Luft, atmete langsam aus, zog das Visier des Gesichtschutzes nach unten, legte mit beiden Händen die Maschine an, und drückte mit der rechten den roten Knopf und gleichzeitig den Sicherungshebel. Meine Hand zitterte leicht. Langsam fraß sich das Sägeblatt durch die schwarze Rinde, glitt durch den weißen Kern des Astes. Sägespäne, Stückchen und Röllchen, prasselten gegen das Plexiglas vor meinem Gesicht.» Rita lächelt vor sich hin, bis sie die atemlose Stille wahrnimmt und in die Runde der Freundinnen schaut. «Was ist los mit euch, warum starrt ihr mich so an?»
«Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Du erzählst uns, dass du einen Ast abgesägt hast, als wäre das etwas völlig Ungewöhnliches. Dafür hast du unsere Treffen abgesagt?» Jutta schüttelt den Kopf.
«Und keine Geschichten mehr geschrieben, keine Skizzen mehr gezeichnet, keine Fotos mehr in deinem Blog eingestellt», wirft ihr Dörte vor.
Mit gespitzten Lippen mokiert sich Ulrike, «das war doch sicher nicht nur ein Ast?»
«Nein, das war ein drei Meter hoher Kirschlorbeer und einige Fliederbäume. Für mich war das eine große Sache. Ich habe an einem Tag zwei Stunden im Garten gearbeitet. Danach brauchte ich manuelle Krankengymnastik und zehn Tage, um neue Kräfte zu schöpfen, bevor ich wieder im Garten arbeiten konnte», verteidigt sich Rita.
«Warum hast du keine Gärtner beauftragt?»
«Ach Dörte, ich habe ein Angebot vom Gärtner eingeholt. Die Zahlen waren niederschmetternd.»
«Aber deine Enkelin, die Avril, die hätte das doch machen können oder deine Tochter, die Auguste. Du mit einer Kettensäge, wie Elon Musk und der argentinische Präsident Javier Milei sie bei ihren Wahlkämpfen geschwungen haben? Das kann ich mir nicht vorstellen. Du wiegst nicht viel mehr als die Maschine», sagt Jutta.
«Auguste hat es im Kreuz. Avril hat einen großen Auftrag in Frankreich, sie ist eine gefragte Restauratorin, da sie sich auf Metall spezialisiert hat. Bevor sie abgereist ist, hat sie…»
Ulrike unterbricht Rita mit erhobener Stimme, «hat sie dich mit der Kettensäge von deinem verstorbenen Max im Sommerkleid und mit Sandalen an den Füßen im Garten erwischt», triumphiert sie.
«Du hast mich mit ihr im Garten heimlich beobachtet?», stößt Rita zornig aus.
Ulrike schneidet eine Grimasse, «also entschuldige, ich wollte dich besuchen und hatte schon den Griff der Gartentüre runtergedrückt. Dann habe ich euere zänkische Schreierei gehört und gesehen, wie Avril dir dieses rostige Ungetüm aus den Händen gewunden hat. Da wollte ich nicht stören.»
«Ich fasse es nicht, was bist du denn für eine Freundin?», stößt Rita hervor.
Jutta wedelt mit nach unten gedrehten Handflächen, «Schschsch, schschscht. Mädchen, beruhigt euch. Dieser Spätsommernachmittag, bei Rita unterm Ahorn mit Kaffee und Apfelkuchen, ist viel zu schön für diesen kindischen Streit. Ohne den riesigen Kirschlorbeer und die verkahlten Fliederbäume ist der Garten viel größer und sonniger. Respekt Rita.»
Rita löffelt sich eine Portion Sahne auf den Apfelkuchen. «In diesem Sommer habe ich meine Angst vor Maschinen und großen Bäumen überwunden. Avril hatte mir die kleinste Kettensäge, die auf dem Markt ist, mit einer kompletten Schutzausrüstung von Kopf bis Fuß in meiner Konfektionsgröße besorgt. Sie hatte mir genau erklärt, was ich tun muss und welche Videos zu Baumfällarbeiten ich anschauen sollte. Letztes Wochenende war sie mit Auguste zu Besuch. Zum Abschied umarmte sie mich, <Omiri, ich bin so beeindruckt. Du bist der lebende Beweis, dass man mit Siebzig nicht auf den Tod wartet, sondern immer noch etwas Neues lernen und vollbringen kann>.»
© Petra Jakoby, 14.09.2025, ohne KI, artepj@web.de