Wie betäubt stand sie in der Diele. In einer Mischung von Grün und Blau, deutlicher als an anderen Tagen, zog sich ein Netz von Blutgefäßen über die bleiche Haut ihrer Handrücken. Die Hände zitterten, hielten das Schreiben, aus dem hastig aufgerissenen Umschlag, mit Mühe. Kündigung in fetten Buchstaben sprang das Wort ihr ins Auge. Einige Zeilen weiter das Datum. In zehn Monaten musste sie ein neues Zuhause gefunden haben.
Die Beletage verlassen? Nach fünfundfünfzig Jahren, drei Monaten und achtundzwanzig Tagen? Wie finde ich in meinem Wohnviertel eine kleinere Unterkunft, für die meine Rente reicht? Kinder schaukelten, ein Mann mähte Rasen, eine Frau schnitt Rosen, ein anderer Mann hing Wäsche auf die Leinen der Wäschespinne. Am Horizont hob sich die dunkle Linie des Stadtwaldes vom blassblauen Himmel ab. Diesen Blick aus dem Wohnzimmerfenster würde sie bald nicht mehr haben. War sie voreilig gewesen, den Hausbesitzern zu erzählen, dass ihr die Wohnung über den Kopf gewachsen war? Lange Spalten in der regionalen Tageszeitung mit Angeboten zu freien Wohnungen gab es seit Jahren nicht mehr. Computer und Internet kamen in ihrem Erwerbsleben nicht vor. Im Rentenalter hatte sie kein Interesse verspürt, sich mit dieser Technik zu beschäftigen. Mit ihren neunzig Lebensjahren konnte sie nicht darauf vertrauen, dass mit der Tippelei in so eine Maschine Wohnungen zu finden waren. Ich mache, was ich bei Problemen immer mache. Die Schuhe mit den Pfennigabsätzen rückte sie unter dem Stuhl nebeneinander. Über den Sitz breitete sie den grauen Faltenrock und legte den kanariengelben Angorapullover darüber. Sie strich über die weiche Wolle, bevor sie das seidene Nickituch entfaltete.
Die Nachbarn ärgerten sich über die Frau, sie habe die Kündigung aller Mietverträge verursacht. Das Paar aus dem Dachgeschoss sah sich gezwungen, die geplante Urlaubsreise zu stornieren. Das Reisegeld brauchten sie für die Renovierung der Wohnung und die Kaution einer neuen Unterkunft. Im Erdgeschoss waren die erwachsenen Kinder ausgezogen. Die Eltern hatten die abgewohnten Räume komplett tapeziert, gestrichen und neue Möbel aufgestellt.
Die alte Frau verließ die Beletage nur, wenn die Nachbarn zur Arbeit gefahren waren. Wenige Tage vor Beginn der Osterwoche wurden Möbel und Kisten aus ihrer Wohnung getragen.
«Die Vermieter haben für mich ein Apartment in der Seniorenresidenz des Wohnviertels gefunden. So ein Glücksfall, noch dazu vor Ostern», schwärmte die Frau beim Einkauf.
© Petra Jakoby, 31.03.2026, ohne KI, artepj@web.de
