Takte einer Liedzeile erklingen. Tabea, die Tochter einer Freundin, greift in die Tasche, zieht das Smartphone heraus, wirft einen flüchtigen Blick auf den Bildschirm und steckt es zurück. „Oma Erika“, sagt sie freudlos. Der eingestellte Klingelton wiederholt sich in einer Endlosschleife bis er verstummt.
„Warum nimmst du den Anruf nicht an?“, frage ich.
Tabea sieht mich erstaunt an, „ich bin gerade nicht bereit.“
„Was meinst du?“, frage ich.
Sie zieht ihre jugendliche Stirn in erstaunlich viele Falten, drei Linien von einer Schläfe zur anderen.
Mit einem Tonfall, der keinen Zweifel lässt, dass die Frage sie nervt, sagt Tabea, „na, für ein Gespräch mit Oma.“
„Freust du dich nicht, dass sie sich für dich und dein Leben interessiert?“
Tabea stöhnt. „Sie ist eine Zeitfresserin.“
Die Freundin kehrt mit einem Tablett mit drei Gläsern Ingwertee und einem Teller mit Gebäck zurück. Der Drucker auf dem Arbeitstisch rattert.
„Ein Fax? Wer schickt uns ein Fax?“, fragt sie.
Tabea bearbeitet mit beiden Daumen gleichzeitig die winzige Tastatur ihres Smartphones. Ohne aufzuschauen, sagt sie, „wer schon? Oma Erikas Gesicht war vor zwei Minuten auf dem Display zu sehen.“
„Oh.“ Die Freundin seufzt, „Tabea beantwortet keine Anrufe sofort.“
„Ich rufe dich innerhalb von einer halben Stunde zurück“, schießt es aus Tabea heraus, „das ist sofort.“
„Okay, da hörst du es“, sagt die Freundin zu mir, „die Zeitrechnung meiner Tochter. Meine Schwiegermutter hat nie Zeit, schon gar nicht, auf einen Rückruf ihrer Enkelin zu warten. In ihren letzten Berufsjahren hat sie ihr Schreibwarengeschäft mit Telefon und Fax geführt.“
„Sie hat die ganze Familie mit Briefpapier, Füllfederhaltern und teuren Kugelschreibern ausstaffiert, die Standartgeschenke von Oma Erika zu allen feierlichen Anlässen“, sagt Tabea. „Für den Rest meines Lebens bin ich eingedeckt.“
Ich fische mit dem Löffel die in Scheiben geschnittene Ingwerwurzel aus dem Glas. „Schmeckt lecker, das Gebäck.“
„Backen kann sie, die Oma Erika“, sagt Tabea und steckt zwei Kekse in den Mund.
Die Freundin schiebt auf dem Tisch mit den Fingerspitzen Kekskrümel zu Häufchen. „Sie schreibt die Faxe auf einer Reiseschreibmaschine.“
„Mechanisch“, wirft Tabea dazwischen, „mit allen Fingern beider Hände blind, rhythmisch, nach einer Melodie, die außer ihr niemand hört.“
Die Freundin kichert, „wenn sie sich vertippt, überpinselt sie den falschen Buchstaben mit weißer Farbe und drückt den korrekten darüber. Du siehst das auf dem Fax.“
„Sie benutzt Tipp-Ex, eine Korrekturflüssigkeit, habe ich auch eingesetzt. Ich habe meine Abschlussarbeit auf solch einer Schreibmaschine geschrieben. Das ist Handarbeit, die eure Oma leistet, um mit euch zu reden“, sage ich bemüht, nicht vorwurfsvoll zu klingen. Ich halte einen Löffel mit Honig über das Glas. In einem langen Faden rinnt er in die Flüssigkeit. „Sie wäre zufrieden, wenn du ihren Anruf annehmen würdest“, sage ich zu Tabea.
„Ha, dann würde ich sie um die Freude bringen, die Tasten ihrer Schreibmaschine zu traktieren“, sagt sie. „Ich bin auf die Störung durch sie nicht vorbereitet. Sie zwingt mich, das, was ich mache, zu unterbrechen.“
„Du hast nichts gemacht, als deine Oma angerufen hat“, werfe ich ein.
„Doch. Du konntest nicht sehen, dass ich im Kopf die Mail formuliert habe, die ich gepostet habe. Ein Telefonat mit Oma Erika und alles, was ich mir zuvor vorgenommen habe zu schreiben, ist futsch.“
„Du hättest ihr sagen können, dass du sie später zurückrufst“, halte ich dagegen.
„Ha, du hast noch nie mit Oma Erika gesprochen. Außerdem finde ich Telefonanrufe übergriffig.“
Ich schüttele den Kopf. „Was? Grenzüberschreitend?“, frage ich um Fassung ringend.
„Schreiben ist besser. Man liest sich die Mail zwei, drei Mal durch, bewertet, was gemeint ist, formuliert die Antwort, prüft sie, lässt sich Zeit, bevor man sie abschickt. Nimmt man im Bus oder auf dem Schulhof solch einen überrumpelnden Anruf an, ist man abgelenkt, Leute kriegen das mit, in der Eile sagt man rasch was Falsches oder was, das der andere krummnimmt. Äußert man sich nicht gleich, entsteht Ungeduld. Will man keinen Kommentar abgeben, gibt es richtigen Stress, weil jeder die erhobene Stimme hören kann, die einen bedrängt. Ich will die Kontrolle über mein Leben behalten.“ Tabea hat sich in Fahrt geredet. Ihre Daumen trommeln auf dem Display herum. Sie hat sich bestimmt öfter vertippt als die Oma. Unsichtbar wird das Spracherkennungsprogramm es korrigieren.
Die Freundin füllt den Teller mit Keksen auf, „für alle, die zwanzig Jahre jünger sind als wir, sind die Messengerdienste das Medium der Kommunikation.“
Ich schaue sie spöttisch lächelnd an, „nett, wie du das ausdrückst. I am getting old, ich werde alt.“
© Petra Jakoby, 10.03.2024, ohne KI, artepj@web.de
