Für Regenpfützen waren sie zu weitflächig. Zu zahlreich und zu flach für eine Seenplatte zwischen grasgrünen Feldern. Der Raps blühte signalgelb, grell, meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich wandte den Blick ab, richtete ihn auf das Polster der Rücklehne vor mir. Die Schienen verliefen kurvenreich. Der Zug ruckelte in jeder Biegung und mit ihm die Körper der Fahrgäste. Einhundertneunundzwanzig Stundenkilometer betrug die Geschwindigkeit, mit der wir durch die Landschaft fuhren, las ich auf der Anzeigetafel. Die Passagiere tippten mit gesenkten Köpfen auf ihren Smartphones. Keine Geräusche von außen, kein Brummen des Motors, kein Stimmengewirr im Wagen. Ich genoss die Stille. „Oui, ma chérie.“, hauchte eine männliche Stimme. Er sprach Französisch, der Akzent verhinderte, dass ich erkannte, was er sagte. „Je t’adore, mon amour.“ Seine Stimme erinnerte mich an Honig, der von der gebutterten Hälfte des Brötchens tropfte. Wir zogen an Vorstadthäusern mit Gärten vorbei, passierten einen Bahnhof, ohne anzuhalten. Ich nahm mein Buch auf, blätterte eine Seite zurück, wo ich den Faden verloren hatte, konzentrierte mich auf den Text. „Ich habe bei ihrer Agentur einen Wagen bestellt. Gerade erhalte ich die Nachricht, dass er am Gare de l’Est nicht zur Verfügung steht. Wir treffen früher ein. Brauchen sie die Buchungsnummer?“ Sekundenlang sagte die Stimme nichts. Gehörte sie dem Mann, der kurz zuvor mit seiner Liebsten geplaudert hatte? „Nein, halt! Der Wagen ist bei unserer Ankunft nicht verfügbar. Sie rufen sofort dort an und klären das ab! Dafür rede ich mit ihnen. Haben sie das begriffen? Rufen sie mich zurück!“ Ich wartete auf eine Höflichkeitsfloskel. Die bellende Stimme war verstummt. Eine Papiertüte raschelte. Aus dem Sitz vor mir erhob sich der Mann, griff mit klobigen Fingern, in die ein dünner Goldring ins Fleisch schnitt, um die Lehne, schob mit der anderen Hand das mobile Telefon in die Brusttasche des Jacketts. Zwischen seinen Augenbrauen verlief eine tiefe Furche, die Oberlippe, die über einem Schneidezahn hochgezogen war, entblößte das Zahnfleisch. Aus seinen Augen traf mich ein stahlharter Blick. Breitbeinig ging er in Richtung Toilette. Seine Reisetasche hatte er zurückgelassen. Ich schulterte den Rucksack und hangelte mich von Rückenlehne zu Rückenlehne den Gang entlang zum Restaurantwagen, wo ich den Rest der Fahrt bis zum Gare de l’Est verbrachte.
Reisetagebuch, 25.05.2013 © Petra Jakoby, 28.08.2023, ohne KI, artepj@web.de
