Weihnachtsgeschenke

«Wir müssen Ihr Fahrzeug leider stilllegen, Frau Hostling. Es tut uns sehr leid», sagt der Mitarbeiter ihrer Autofirma. «Ich habe extra nochmals beim Werkmeister nachgefragt.»

«Was heißt das?», fragt sie.

«Ihr Auto darf das Firmengelände erst verlassen, wenn das fehlerhafte Betriebsteil aus dem Rückruf ausgetauscht ist. Es ist seit Monaten bestellt. Sie erhalten ein Ersatzfahrzeug. Es entstehen Ihnen keine Kosten.» Der Mann lächelt verbindlich.

«Bei der Terminierung für den Ölwechsel habe ich extra nachgefragt, ob ich auf das Auto warten kann, was von der Dame am Telefon bestätigt wurde. Sind Sie so gut und schauen nochmal in Ihrem Computer nach?  Vielleicht haben Sie einen Zahlendreher beim Kennzeichen gemacht oder es gibt noch eine Person, die so heißt wie ich.»

«Selbstverständlich ist der Ölwechsel ein Wartetermin. Aber bei Ihrem Fahrzeug muss noch ein Teil ausgetauscht werden, dafür muss der Motor kalt sein. Sie können das Fahrzeug auf eigene Verantwortung mitnehmen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass die Versicherung und die Firma bei einem Schaden nicht haften.»

In Margots Ohren pulsiert das Blut. Sie denkt an die brennenden Autos, von denen sie gelesen hat. «Seit einem Jahr, frage ich regelmäßig nach, wann das Teil endlich da ist. Jedes Mal wurde mir versichert, es sei bestellt und es bestehe keine Gefahr, den Wagen zu fahren. Nun nehmen Sie mir das Auto weg. In zwei Tagen werde ich zum Familientreffen im Schwarzwald erwartet. Ich habe den Kofferraum voller Weihnachtsgeschenke für meine Urenkel, Enkel und Kinder.» Margot legt die Umhängetasche auf den Tresen, umfasst mit beiden Händen die Kante, bläst in die Stirnhaare.

«Möchten Sie sich setzen? Brauchen Sie ein Glas Wasser?» Sein Gesichtsausdruck ist mitfühlend. Margot schluckt das Schimpfwort, das ihr in den Sinn kommt, herunter, «es geht wieder.»

«Sobald das Austauschteil eintrifft, wird Ihr Fahrzeug mit höchster Priorität repariert. Bis dahin steht Ihnen der Ersatzwagen zur Verfügung.» Sein höfliches Lächeln und die Wiederholung der Sachlage reizen sie, «warum wurde mir das nicht am Telefon gesagt, wenn es in Ihrem Computer steht?» Sie presst die Lippen aufeinander, gibt sich einen Ruck, erwartet keine Antwort, «wo steht das Auto?»

Margot unterschreibt den Mietvertrag für einen Kleinwagen. Der Agent der Vermietungsfirma händigt ihr den Schlüssel aus, «es ist der Weiße vor dem Eingang.»

Sie steigt in den Wagen, schiebt den Sitz näher an das Lenkrad, tritt die Kupplung, lässt den Motor an, «was ist das denn», ruft sie und wendet sich zur Mittelkonsole. «Wo ist der Schaltknüppel, um den Gang einzulegen? Nur zwei Pedale?»

Sie eilt zum Schalter der Agentur. «Das ist ein Fahrzeug mit Automatik. Seit sechzig Jahren fahre ich Getriebe. Ich kann keine Automatik bedienen.»

«Das ist ganz einfach. Ich weise sie ein. Am besten stellen Sie sich vor, dass Ihr linkes Bein amputiert ist.», sagt der Agent und schiebt sich auf den Beifahrersitz.

«Was? Nein! Ich will mir keine Amputation vorstellen. Ich habe mit zwei Beinen die Achtziger erreicht. Das soll auch so bis zum Ende meines Lebens bleiben.»

 «Entschuldigen Sie Frau Hostling, ich wollte sagen, dass Sie die beiden Pedale im Auto nur mit dem rechten Bein drücken.» Er erklärt die Schaltung und Handbremse. «Wir fahren zusammen über den Parkplatz.»

Sie legt den Gang ein, nimmt den Fuß von der Bremse, «das Auto rollt einfach los,» ruft sie und tritt hart auf das Bremspedal. Der Mann stützt die Arme gegen das Armaturenbrett. «Entschuldigung», sagt sie.

«Nicht bremsen.»

«Junger Mann, ich will nicht ins Schaufenster fahren.» Sie lenkt den Wagen vorbei. Der linke Fuß tastet im Fußbereich nach dem Pedal, die Hand schwebt über der Mittelkonsole, sucht den Schaltknüppel, um in den höheren Gang zu schalten. Vergeblich. Sie drückt das Bremspedal durch. Der Mann hängt im Sicherheitsgurt. «Lassen Sie den linken Fuß seitlich ruhen. So jetzt fahren wir eine Runde über den Betriebshof. Sie werden sehen, wenn wir wieder vor dem Eingang stehen, können Sie es.»

Margot hüpft mit ihm und dem Wagen über das Werksgelände zurück zum Eingang.

«Klappt doch schon ganz gut», sagt der Agent und wirft die Autotür zu. Seine Stimme klingt etwas zu dünn. «So geht das nicht. Ich brauche ein Auto mit Gangschaltung. Haben Sie nicht in irgendeiner Ecke noch so ein Fahrzeug stehen?», sagt sie. Sie schwitzt, ihre Hände zittern, in ihren Ohren rauscht das Blut.

Der Mann schüttelt den Kopf und macht ein betretenes Gesicht. «Haben Sie keine Kinder oder Enkel, die mit Ihnen mal durch die Stadt fahren, bis Sie sich eingewöhnt haben?»

«Hier nicht, im Schwarzwald, wo ich an Weihnachten meine Familie treffen will.»

Der Mann, der ihren Wagen beschlagnahmt hat, tritt zu ihnen.

«Ich brauche eine Fahrstunde. Sonst schaffe ich den Weg zu meiner Wohnung nicht lebend.», sagt sie entschieden. «Können Sie mir eine Fahrschule vermitteln?»

«Jetzt? Heute? Ausgeschlossen! Die Fahrschulen sind über Wochen im Voraus ausgebucht.»

«Habt ihr einen Auszubildenden, der mit Frau Hosting einige Runden drehen kann?», fragt der Agent.

«Die haben ja gerade erst den Führerschein gemacht», erwidert der andere.

Ratlos stehen sie zusammen, bis sich das Gesicht des Autovermieters klärt, «ich habe eine Idee mit einer klitzekleinen Chance. Soll ich die probieren?»

«Jede Idee ist mir recht. Im Stadtverkehr kann ich nicht lange überlegen, was ich mit welchem Fuß mache und auf der Konsole nachschauen, wo ich den kleinen Hebel hinschieben muss.»

Der Agent telefoniert in einer Sprache, die sie noch nie gehört hat. Als er sich Margot zuwendet, reicht er ihr das Telefon, «da ist ein Fahrlehrer, der Sie heute unterrichten kann.»

«Gut. Dann treffen wir uns in drei Stunden hier», sagt sie nach einigen Sätzen in das Telefon.

«Wir fahren vom Betriebsgelände», sagt der Fahrlehrer.

«Was in den Straßenverkehr? Das kann ich nicht. Ich bin sechzig Jahre Getriebe gefahren. Die Bewegungen gehören zu meinem Körper.» Sie hört die Verzweiflung in ihrer Stimme. Hoffentlich fange ich nicht an zu weinen. Er könnte mein Enkel sein.

«Ich habe alles unter Kontrolle. Auf geht’s», sagt er.

Der Mann ist Fahrlehrer, der wird wissen, was er macht. Margot folgt seinen Anweisungen. «Bremsen Sie hier, nun schieben Sie den Hebel auf rückwärts. Dann nehmen sie den Fuß von der Bremse.»

«Was, hier auf dieser steilen Abfahrt? Dann rollt der Wagen.»

«Machen Sie das mal», sagt er.

«Oh, er steht.»

«Jetzt geben Sie ein bisschen Gas.» Langsam fährt der Wagen rückwärts.

Er lässt sie an der gleichen Stelle erfahren, was passiert, wenn sie den Hebel auf vorwärts schiebt. Mit höchster Konzentration folgt Margot seinen Instruktionen. Die rechte Hand löst sich vom Lenkrad, nähert sich der Mittelkonsole. Eilig führt sie die Hand zurück an das Lenkrad.

«Sie haben rechtzeitig abgebrochen. Das haben Sie gelernt.», sagt er. Seine Zuversicht vermittelt ihr Sicherheit.

«Jetzt fahren wir Landstraße und Sie fahren nur so schnell, wie Sie den Wagen kontrollieren können.»

Margot fährt umsichtig in die Kurven, reduziert und beschleunigt die Geschwindigkeit. Anerkennend bemerkt er, dass sie routiniert in den Rückspiegel schaut, bei einer unübersichtlichen Einfahrt, den Oberkörper etwas dreht und sich mit einem Blick über die Schulter versichert, dass sie einfahren kann.

«Ich bin als Kind mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Die Fahrschule ist seit Jahrzehnten in Familienbesitz. Ich bilde Fahrlehrer aus. Reisen Sie?», fragt er.

Margot lehnt den Rücken in das Polster. Sie fährt die zugelassene Höchstgeschwindigkeit. «Als wir jung waren, haben mein Mann und ich Nordafrika, Mittelmeerländer und karibische Inseln besucht.»

 «Das waren damals Abenteuerreisen, es gab kein Internet und keine Reiseagenturen, die bis ins Kleinste die Reise vorbereitet haben», sagt er mit anerkennender Stimme. «Wie fühlen Sie sich?»

«Weihnachten kann kommen. Ich fahre in den Schwarzwald. Was meinen Sie?»

«Ich bin sehr zufrieden. Die mentale Leistung, die Sie erbracht haben, ist bewundernswert.»

Margot ist erleichtert, das Fahren macht ihr Spaß. «Wo geht es jetzt hin?» 

«Zurück, zu meinem Auto.» Er räuspert sich, «Sie müssen ein guter Mensch sein.»

»Wieso?» Margot hat den Blick auf die Straße gerichtet, bemerkt, dass er ihr Gesicht forschend anschaut. «Nur weil mein Auto heute repariert wird, hatte ich Zeit für Sie. Das ist ein glücklicher Zufall, dass wir uns heute begegnet sind.»

Margot lacht, «mein Mann und ich haben geholfen, wenn wir helfen konnten. Wir durften erfahren, dass alles, was wir geben, in irgendeiner Form zu uns zurückkommt.»

«Hm.» Er schweigt. Dann sagt er nachdenklich, »was ich heute von Ihnen gelernt habe, fließt auf jeden Fall in die Ausbildung der zukünftigen Fahrlehrer ein.»

Margot strahlt, der Fahrlehrer schüttelt ihr die Hand. «Schöne Feiertage und ein gutes neues Jahr.»    

© Petra Jakoby, 23.12.2024, ohne KI, artepj@web.de

Allen, die diesen Blog besuchen, wünsche ich erholsame Tage im Kreis lieber Menschen und ein gutes neues Jahr.