Kinder, esst Würstchen.

Bei dem monatlichen Treffen der vier Freundinnen begann Dörte, vom ersten Treffen ihrer Familie im Jahr neunzehnhundertsiebzig, zu erzählen.

Vater läutete in der Diele die Messingglocke an der Wand. Mutter rief: «Kinder, esst Würstchen, damit ihr gleich nicht so ausgehungert seid.»

Sie schwebte in einer Wolke französischen Parfüms und glänzte golden. Ihre schlanke Figur steckte in einem Strickensemble, die Handgelenke zierten ein breites Goldarmband und eine goldene Uhr, die Ringfinger goldene Ringe. Zwischen den damenhaft frisierten Locken blitzten dicke goldene Knoten an den Ohrläppchen.

Sie stellte eine silberne Servierplatte mit einem Berg Cocktailwürstchen auf den Couchtisch. Vater im perfekt sitzenden Anzug mit weißem Oberhemd und einer Krawatte, auf der Hündchen sprangen, füllte die Sektgläser. Meine drei Schwestern und ich standen wie Gäste mit Ehemännern und Partnern in dem zu kleinen Wohnzimmer. Wir aßen, tranken und bestätigten gegenseitig in wohlgesetzten Worten unser gepflegtes Aussehen und tauschten Informationen zu unserer Anreise aus. Unsere Männer zeigten ein amüsiertes Lächeln. Die Platte leerte sich, Vater klatschte in die Hände, «auf geht’s. Wir gehen in unser Stammhaus, Zum Goldenen Hirschen.»

Der Tisch war für uns eingedeckt. Die Bedienung verteilte die Speisekarten. «Kinder, bestellt, worauf ihr Appetit habt,» rief Vater vom Kopfende.

Unter dem Tisch traf mich der Fuß der jüngsten Schwester, «hast du Mutters Blick gesehen, den sie Vater zugeworfen hat?»

Ich nickte. Anekdoten und Witze wurden erzählt. Vater amüsierte sich, verriet in seinen Augen lustige Erlebnisse aus der Kindheit seiner Töchter, über die unsere Partner herzhaft lachten. Getränken, Salattellern, Suppenschüsseln folgten Schnitzel, Rouladen, Gulasch, Schüsseln mit Gemüse, Klößen und Fritten. Meine mittlere Schwester flüsterte mir quer über den Tisch zu, «siehst du, wie Mutter und unsere älteste Schwester in die Menükarte schauen?»

Vater sagte: «He meine Schönen, was tuschelt ihr? Wir wollen mitlachen.»

Die Bedienung erlöste uns von einer Antwort, sie nahm die Bestellung für den letzten Gang auf. Unsere Männer hatten noch Platz für Eiscreme und Kuchen. Meine Schwestern und ich beließen es bei Kaffee. Wieder griffen Mutter und die älteste Schwester nach den Menükarten. Ihre Gesichter wirkten konzentriert. Die Rechnung kam. Vater blätterte Geldscheine auf den Tisch. Die älteste Schwester und Mutter tauschten Notizzettel aus.

Irritiert flüsterte mein Mann, «was haben die beiden?»

Ich legte die Hand auf seine, «pssst! Später.»

Die zweitälteste Schwester rief, «ihr habt es wieder gemacht, stimmt’s?»

Die älteste Schwester lachte laut auf. Mutter lächelte gekünstelt, «Schätzchen, wovon sprichst du? Wir haben gespeist, wie alle und wir hatten einen sehr schönen Abend, oder siehst du das anders?»

Wir redeten gleichzeitig, keiner verstand ein Wort.

«Ruhe jetzt», rief Vater, «Liebchen und meine Älteste, schiebt eure Notizen neben die Rechnung.»

Atemlose Stille entstand. Vater ergriff die Hände von Mutter und der ältesten Schwester, schaute in die Runde, pausierte, sprach, «die Zahlen auf den Zettelchen stimmen mit dem Rechnungsbetrag überein.»

Ulrike, Jutta und Rita klatschten Dörte, die die Geschichte erzählte, Beifall.

«Haben sie von allen bestellten Speisen und Getränken die Preise nachgeschaut und im Kopf addiert?», fragte Jutta.

Dörte stellte ihr Weinglas ab. «Ja, meine älteste Schwester hat das Talent von Mutter geerbt.»

«Wahnsinn», sagte Ulrike, «wie haben sie das gemacht?»

Dörte erklärte, «sie haben sich die bestellten Getränke und Speisen gemerkt. Die Preise haben sie nach jedem Gang in der Speisekarte nachgeschaut, addiert und in einer Schublade, einem Regalfach oder einem anderen Möbelstück in ihren Wohnungen abgelegt. Zum Schluss sind sie durch ihre Zimmer geschlendert, haben Schubladen und Schränke und Fächer geöffnet und die dort abgelegten Teilbeträge addiert.»

«Ich glaube, das ist die Loci-Methode, die ein Grieche, ein paar Hundert Jahre vor Christus entwickelt hat», sagte Rita.

© Petra Jakoby, 21.01.2025, ohne KI, artepj@web.de