Frühling ist.

Der Hund bleibt stehen. Er reckt die Nase in die Luft. Über den Nasennebenhöhlen pocht die Haut. Den Schwanz trägt er steil aufgerichtet. Er erlebt Jagdlust.

„Nein“, sage ich vorsorglich. Wenn er los sprintet, ist es zu spät, ihn mit Worten aufzuhalten. Angestrengt suche ich mit den Augen die vor uns liegende Straße ab. Sein Kopf ist in Richtung des Hauses gedreht, neben dem wir stehen. Ich folge seinem Blick.

Blauregen klettert an der Hauswand empor. Üppige Trauben von Blüten, violett und lila, parfümieren die Luft. Kaum merklich bewegen sich Blätter zwischen den aus dem Boden sprießenden Ranken. Eine graue Hausmaus flieht in eine Mauerspalte.

Der Hund dreht den Kopf, schaut mich an, wir setzen den Spaziergang fort.

© Petra Jakoby, 18.04.2024, ohne KI, artepj@web.de

Ein Hauch von Patchouli

Nick schnupperte, ein Duft von Blüten lag im Raum. Maya? Trug sie ein neues Parfüm?Er öffnete die Tür ihres Arbeitszimmers. Mit zehn Fingern bearbeitete sie rhythmisch die Tasten des Laptops. Den Blick auf den Monitor gerichtet, bemerkte sie nicht, dass er den Raum betreten hatte. Der Text war Grün, Blau und Orange hinterlegt. Orange bedeutete, dass sie die Textstelle überarbeiten sollte, um die Lesbarkeit zu erleichtern. Die einzige Unterbrechung, die sie ohne Murren hinnehmen würde, war eine Zärtlichkeit. Er trat näher, schmiegte seine Wange an ihre. Sie hob die Finger von der Tastatur, wandte sich ihm zu, erwiderte seinen Kuss. Fragend schaute sie ihn an.

„Alles gut. Mir war danach, dich zu küssen“, sagte er.

Sie lachte auf. „Na so was. Bitte lass mich weiterarbeiten. Die Worte fließen, ohne dass ich nachdenken muss.“

Maya duftet nach Rose, dem Aroma ihrer Gesichtspflege, nicht nach dem neuen Geruch.

Zurück im Wohnzimmer suchte er in der Sonderbeilage der Wochenendausgabe einer Zeitung, die er las, nach einer versiegelten Duftprobe. Mayas Modemagazine enthielten derartige Tester. Nichts. Er identifizierte Patchouli. In Indien hatte er das Pflanzenextrakt in Heilmitteln und Duftölen kennengelernt. Die anderen Komponenten des Parfüms vermochte er nicht zu bestimmen. Der Duft hatte sich in den Schleimhäuten der Nase festgesetzt. Unkonzentriert las er den Artikel über eine Kunstausstellung erneut. Aus welcher Quelle kommt der Geruch? Er schob die Seiten zusammen, brachte sie in die ursprüngliche Reihenfolge hinter dem Titelblatt. Zum Vorschein kam der Brief seiner internistischen Praxis. Er führte ihn zur Nase. An ihm haftete der Duft. Erdig, wie ein Spaziergang durch den Frühlingswald nach Regen. Auch das Rezept, das er enthielt, duftete. Nie zuvor war ihm aufgefallen, dass die Verordnungen Wohlgeruch verbreiteten. Hatte er eine heimliche Verehrerin im Praxisteam? Wer?

 Der erste Liebesbrief, den ihm eine Mitschülerin in der Pause zugesteckt hatte, roch nach Veilchen. Sie hatte eine Seite aus einem Schulheft gerissen und diese beschrieben. Neben ihrer Unterschrift klebte ein rosa Herz. Der Glitter, mit dem das Herz dekoriert war, blieb an seinen Fingern kleben. Der penetrante Veilchenduft und der Fettfleck ekelten ihn und bewirkten das Ende der freundschaftlichen Gefühle. Später wechselte er Briefe mit Jungen und Mädchen aus Indien, Japan und Australien. Beim Lesen der Post stellte er sich den Alltag der Kinder vor, wie sie ihn beschrieben. In diesen Momenten fühlte er sich mit ihnen in den fremden Ländern verbunden. Sorgfältig löste er die Briefmarken mit Vogelmotiven, Blüten, Kimonoträgerinnen und ernst blickenden Würdenträgern über Wasserdampf ab. Jahrelang bewahrte er die Marken in einem Sammelalbum auf. Er schrieb auf hellblauem Luftpostpapier über das, was ihn bewegte in Schule und beim Fußballtraining. Die Kanten der Briefumschläge, die er versandte, waren rot-weiß-blau gemustert. Sie trugen den Aufdruck Luftpost. Das war lange vorbei, dass er persönliche Post in Briefform erhielt. Bis vor einigen Jahren erreichten ihn die Geburtstagswünsche seiner Großmütter auf pastellfarbenen Briefbogen, die in Umschlägen steckten, die mit Seidenpapier in passender Volltonfarbe gefüttert waren. Mit blauer oder schwarzer Tinte formulierten sie ihre Wünsche und erzählten von ihrem Alltag. Den Handschriften hatte er angesehen, ob sie gesund waren oder Schmerzen litten, ob sie in Eile oder Muße geschrieben hatten. Ein Brief von ihnen knisterte. Das Papier zwischen den Fingerspitzen fasste sich glatt, rau, dick oder dünn an. Er bedauerte, dass sie die bequemen Informationswege von digitalen Messengerdiensten entdeckt hatten.

Wie wäre es, wenn ich Maya einen Brief schreiben würde, in dem ich meine Empfindungen für sie ausdrücke?

(c) Petra Jakoby, ohne KI, 29.04.2023, artepj@web.de

Stiefmütterchen

Stiefmütterchen im Regen