Regentropfen Teil 2, Reisetagebuch 1993

Ein Junge kam eilig auf uns zu. Er schleifte ein ausgewachsenes Bananenblatt hinter sich her.

„Wenn du das Blatt hältst, wie ich es dir zeige, schützt es dich vor dem Regen.“

Unbeholfen stemmte ich das Blatt über meinen Kopf. Der Junge hastete neben mir, „du bist nass, du wirst dich erkälten, komm in mein Haus.“

Vor der ersten Hütte am Schotterweg schrie er Sätze in Patois. Ich hatte keine Ahnung, was er seiner Familie zurief. Aus dem Haus hörte ich Rumpeln, knirschende und schleifende Geräusche.

„Danke, vielen Dank für alles, unser Auto wartet auf uns“, rief ich. Nass glänzend sah ich das Dach des Chevy zwischen Büschen.

In den Türrahmen der Holzhütte war eine Frau getreten. Der geblümte Schal, den sie um ihren Kopf gewickelt hatte, war aus dem gleichen Stoff wie ihr Kleid. Sie lachte lauthals. Das Bananenblatt war von den Tropfen des Regens durchlöchert und ausgefranst. Meine Kleidung war bis auf die Haut durchnässt. Bei jedem Schritt schmatzte das Wasser in den Turnschuhen.

Endlich erreichten wir den Chevy. Der alte Mann, der uns gebracht hatte, saß auf dem Beifahrersitz. Wie auf der Hinfahrt trug er eine schwarze Sonnenbrille, „wenn es regnet, fährt mein Sohn“, sagte er bestens gelaunt. Ein Goldzahn blitzte. Der Wagen, überladen mit Passagieren und Obstsäcken, setzte mit dem Heck bei jedem Hubbel auf. Eingequetscht wie Sardinen in der Dose, saß ich zwischen den Männern auf der Rückbank. Unsere Atemluft, der Schweiß und die Ausdünstungen der nassen Kleidung verwandelten das Innere des Fahrzeugs in eine Sauna. Die Scheiben beschlugen, versperrten die Sicht. Fahrer und Beifahrer stießen die Scheibenwischblätter mit der Hand an. Für Sekundenbruchteile drängten sie das Wasser zur Seite, gaben den Anblick der Piste frei. Die Wassermassen überspülten den Weg, rissen verrostete Blechdosen, leere Flaschen, Kartonagen und anderen Unrat mit. Der Fluss, zu dem die Schotterpiste geworden war, verdeckte die topftiefen Schlaglöcher, denen der alte Mann auf der Hinfahrt geschickt ausgewichen war. Mit sanften Lenkbewegungen des Fahrers schlingerten wir in der Strömung den Berg hinab auf die Hauptstraße. Keiner drehte das Radio an, keiner sprach, keiner sang, keiner lachte, kein Atemgeräusch war zu hören, nur das ohrenbetäubende Trommeln der Regentropfen auf dem Dach.

Vor meiner Unterkunft schälte ich mich zwischen den Männern auf der Rückbank aus dem Fahrzeug. 

„Er ist blind auf einem Auge und nie nüchtern, deshalb fahre ich bei Regen“, sagte der Sohn.

Die Männer lachten lauthals. Es löste die Spannung. Mir war übel und meine Knie waren weich.

(c)Petra Jakoby, ohne KI, 09.03.2023, artepj@web.de