Andre rieb mit einem Zipfel seines Arbeitshemdes über das zerkratzte und zersprungene Glas. »Du musst es aus dem Rahmen lösen, sonst erkennst du nichts«, sagte er zu Tilda und reichte ihr das Bild.
Tilda schob die Spitze des Messers zwischen Rahmen und Glas. »Es ist voller Stockflecken und Wasserränder. Ein Hochzeitsfoto. Das Hochzeitsdatum und die Namen des Brautpaares sind nicht notiert. Was ist auf dem anderen?«
Der Rahmen zerbarst bei seinem Versuch, das Glas zu säubern. Geschickt fing er es auf, bevor es auf dem Boden zerschmetterte. »Ein Gruppenfoto mit Männern. Kein Datum, keine Namen auf der Rückseite. Keiner lacht.« Er reichte ihr die Fotos. »Wo hast du den Stock her?«
»Er lag hinter den Bildern im Keller«, sagte Tilda.
»Unter dem jahrzehntealten Kellerstaub scheint eine Gravur zu sein.« Er richtete den Wasserstrahl des Gartenschlauchs auf den Stock. »Ein Wanderstock, geschnitzt. Ich lese Leningrad 1943, schau mal, das ist spiralförmigaus dem schwarzen Holz gekerbt.«
Tilda nahm den Stock »da, ein misslungenes Kreuz oder ein zerstörtes Hakenkreuz über dem Ornament aus kurzen Strichen. Das Muster ist ebenfalls wie eine Spirale bis an das Ende des Stocks geschnitzt.«
»Haben die beiden geheiratet, kurz bevor der Bräutigam seinen Kriegsdienst antreten musste? Beide schauen mit traurigen Gesichtern in die Kamera«, sagte Tilda.
»Du meinst, er wurde eingezogen, um in Leningrad zu kämpfen?« Andre zeigte auf das Gruppenfoto. »Es sind Franzosen. Sie haben weiße Arbeitsjacken und weiße Hosen an. Piloten, die Dienstgrade sieht man an der Anzahl der Marken auf den schwarzen Barretts, keine Offiziere. Sie trugen Schirmmützen.«
»Ich habe gegoogelt«, sagte Tilda, »Hitlers Soldaten haben Leningrad ab September 1941 bombardiert und belagert. Hitler wollte drei Millionen Einwohner und eine halbe Million Soldaten der Roten Armee, die die Stadt verteidigen sollten, aushungern und Leningrad auslöschen. Neunhundert Tage dauerte die Belagerung. Mich fröstelt bei der Vorstellung, obwohl wir Hochsommer haben«, sagte sie und zeigte auf die hochstehenden Haare auf ihren Armen. »Die Rote Armee hat mit Unterstützung der Bevölkerung bis zu ihrer Befreiung im Januar 1944 erfolgreich Widerstand geleistet. Ich verstehe nicht, was die französischen Piloten da gemacht haben«, sagte sie.
Andre schaute auf und zeigte auf sein Smartphone, »ich habe auch gegoogelt. Hier heißt es in einem Artikel, dass General De Gaulle Kampfflieger in die Sowjetunion entsandt hat, um die sowjetischen Soldaten bei der Befreiung Leningrads zu unterstützen.«
Tilda nahm das Foto in die Hand. »Einige haben Spielkarten, andere Gitarren und einer zieht ein Akkordeon auseinander. Der Mann, hinter dem Tisch, hält einen Besen und ein Kehrblech wie eine Trophäe in der erhobenen Hand. Im Hintergrund erkenne ich zwei Stockbetten und einen Spint.«
Andre schaute über ihre Schulter auf das Foto. »Die Champagnerflasche, die könnten sie aus dem Abfalleimer der Offiziersmesse gefischt haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das Luxusgetränk aus den Steinkrügen vor ihnen getrunken haben. Die Szene sollte sicher den Angehörigen zeigen, dass sie in ihrer freien Zeit Spaß hatten, aber die finsteren Blicke sprechen eine andere Sprache.«
Tilda griff nach dem Stock, »wie passt der zu den Fotos? Ein Franzose, mit einem Wanderstock, in den ein Hakenkreuz geschnitzt ist, ist ins Saarland heimgekehrt?«
»Auguste, meine Oma, hat von der Zeit gesprochen, in der das Saargebiet nach dem 1. Weltkrieg von einer internationalen Regierungskommission des Völkerbundes verwaltet wurde. Ein Franzose und ein Saarländer gehörten der Kommission an. Das Sagen hatten aber die Franzosen, die sich auch die Gruben unter den Nagel gerissen haben, wie Oma das auf Familienfeiern zum Besten gab. Dabei hat sie ein Samtbeutelchen mit Saarfranken rundgehen lassen. Die Münzen haben wir jedes Jahr aufs Neue bestaunt.«
»Schade, dass ich sie nicht mehr kennengelernt habe. Ich hätte die Erzählungen gerne gehört«, sagte Tilda.
Andre schmunzelte, »Oma schüttelte missbilligend den Kopf und sagte, [vor dem Krieg hatten wir die Butter auf der Fensterbank und nach dem Krieg die Margarine im Kühlschrank.] Sie hatte noch mehr Sprüche, die fallen mir aber im Moment nicht ein.«
Tilda war in Norddeutschland aufgewachsen. Sie hatten sich im Studium an der Uni kennengelernt. Fragend schaute sie ihn an. »Wollten die Saarländer zurück nach Deutschland?«
»Oma Auguste erzählte, dass die Nationalsozialisten vor der Abstimmung 1935 eine harte Meinungspolitik betrieben hätten. Anders Denkende seien von den Rückgliederungsbefürwortern diffamiert und unterdrückt worden. [Die Mehrheit wollte heim ins Reich].«
»Kam der Stock nach dem Krieg als Souvenir ins Saarland?«, fragte Tilda.
»Könnte sein«, sagte Andre.
© Petra Jakoby, ohne KI, 25.08.2024, artepj@web.de
Quelle: Internet gefunden 03.08.2024
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/belagerung-von-leningrad.html –
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/belagerung-von-leningrad.html –
https://chemindememoire.gouv.fr./de/normandie-njemen-fran…
https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article..
https://www.saarland.de/stk/DE/portale/65-jahre-saarland/hintergrund/landesgeschichte – –