Lebenszeit

Schneeweiße gebauschte Wolken hängen zum Greifen nahe. In weiter Ferne der Himmel in lichtem Blau und einem Blauton, wie die Blüten von Kornblumen. Farben wie bei Ostwind an der Nordsee. Der Anblick erfüllt mich mit Freude.

Ich fahre in die Nachbarstadt zum Einkauf. Voller Erwartung werfe ich einen Blick zur Gegenfahrbahn. Ist er da? Ja. Ich habe grüne Welle. Sekunden später ist er aus meinem Blickfeld verschwunden.

 Vor der Boulangerie-Pâtisserie reihe ich mich in die Schlange der Wartenden auf dem Bürgersteig. Für jeden, der beladen mit Broten, Baguettes, weißen Kuchenkartons den Laden verlässt, rückt ein Kunde aus der Warteschlange vor. In Regalen auf drei Etagen stapeln sich Brote aus unterschiedlichen Getreidearten in verschiedenen Formen. Blickfang ist die Pâtisserie in der Glastheke. Eclairs mit Cremes aus roten Früchten, Vanille, Pistazie, Kaffee, Schokolade, Törtchen, kleiner als mein Handteller, belegt mit Erd- und Himbeeren, Hefe- und Sandkuchen mit Schokolade, Nüssen und Rosinen verlassen in Kartons das Geschäft. Ich erspare mir die Qual der Wahl aus der bunten Vielfalt der Pâtisserie und kaufe zwei Brote.

Der Duft des Brotes breitet sich im Auto aus. Auf dem Rückweg sehe ich den Mann erst, als ich die Abzweigung der Autobahnauffahrt erreiche. Zwischen Auf- und Abfahrt der Autobahn sitzt er vor einem begrünten Hügel mit Sommerblumen auf seinem Stuhl.Die Ampel schlägt um auf Rot, zwingt mich, anzuhalten. Ich lächle den alten Mann an. Er verzieht die Mundwinkel zu einem kaum sichtbaren Lächeln, senkt das Kinn zum Gruß, zieht die Schirmkappe vom Kopf, streicht über weißes, stoppelkurzes Haar. Wie bei Menschen aus südlichen Ländern sind Gesicht und Hände braun gebrannt. Der Reißverschluss der Camouflagejacke ist bis zum Hals zugezogen. Sein Gehstock liegt wie gewohnt links neben dem Klappstuhl. An der Lehne zu seiner Rechten hängt eine Einkaufstüte.

Zum ersten Mal ist er mir zu Beginn des Frühlings aufgefallen. Er macht eine Verkehrsbeobachtung, zählt Autos oder spezielle Kraftfahrzeuge, ging es mir durch den Kopf. Sekunden später hatte ich ihn vergessen. Ungezählte Male bin ich an verschiedenen Wochentagen zu unterschiedlichen Uhrzeiten an ihm vorbeigefahren. An der gleichen Stelle, den Blick auf beide Fahrbahnen gerichtet, saß er auf seinem Klappstuhl. Nie hielt er ein Clipboard, ein Smartphone, eine Zeitung in der Hand. Er war da. Der Ausdruck seiner Augen, wenn er Blickkontakt aufnahm, gleichmütig, mild.

Warum sitzt er an dieser Stelle, atmet die Autoabgase ein? Er scheint in sich zu ruhen, eins zu sein mit dem Fluss des Verkehrs. Die individuellen Augenblicke, in denen er an der Straße sitzt, reihen sich wie eine Kette aneinander. Die Glieder dieser Kette sind seine Lebenszeit, die vergeht.

Ich nehme mir vor, jeden Augenblick meines Lebens wertzuschätzen.Die Ampel springt auf Grün. Ich fahre an. Im Rückspiegel sehe ich, dass er in ein Brot in seiner Hand beißt.

©Petra Jakoby, 30.06.2024, ohne KI, artepj@web.de

TEK KER, take care – Romanmanuskript

Ende Mai 2024 habe ich nach mehr als zehn Korrekturläufen die Überarbeitung des Romanmanuskripts, mit dem Arbeitstitel Tek ker, take care, abgeschlossen. Endlich!

Auf 260 Normseiten erzähle ich die Geschichte einer Frau, die nach der Nachricht vom Tod ihres Onkels, überstürzt in das Land reist, in das er vor dreißig Jahren ausgewandert war. Der Kontakt mit der Familie war abgebrochen. Sie stellt sich vor, dass sie nur ein paar Telefongespräche im Land führen muss, um zu erfahren, wie ihr Onkel gelebt hat und wie er gestorben ist. Keiner hat seinen Namen gehört, keiner will ihn gekannt haben. In der paradiesischen Schönheit des Landes scheint sie mit der impulsiven Lebensart der Menschen, die ihr begegnen, überfordert. Sie resigniert und ist bereit, nach Deutschland zurückzukehren. Unerwartet erhält sie Unterstützung, lernt ihre Familie kennen, findet die Liebe und beginnt ein neues Leben.

Nach der der Schreibpause, die ich mir gegönnt habe, geht es wieder regelmäßiger mit Beiträgen für den Blog Wörter, Fotos, Skizzen weiter.

© Petra Jakoby, 19.06.2024, ohne KI, artepj@web.de

Sommer ist, wenn die Tomaten blühen.

Zitronenblüte

Im Frühling blühen in Deutschland die Bäume; Laub- und Obstbäume, aber keine Zitronenbäume.

(c) Petra Jakoby, 28.04.2028, ohne KI, artepj@web.de

Frühling ist.

Der Hund bleibt stehen. Er reckt die Nase in die Luft. Über den Nasennebenhöhlen pocht die Haut. Den Schwanz trägt er steil aufgerichtet. Er erlebt Jagdlust.

„Nein“, sage ich vorsorglich. Wenn er los sprintet, ist es zu spät, ihn mit Worten aufzuhalten. Angestrengt suche ich mit den Augen die vor uns liegende Straße ab. Sein Kopf ist in Richtung des Hauses gedreht, neben dem wir stehen. Ich folge seinem Blick.

Blauregen klettert an der Hauswand empor. Üppige Trauben von Blüten, violett und lila, parfümieren die Luft. Kaum merklich bewegen sich Blätter zwischen den aus dem Boden sprießenden Ranken. Eine graue Hausmaus flieht in eine Mauerspalte.

Der Hund dreht den Kopf, schaut mich an, wir setzen den Spaziergang fort.

© Petra Jakoby, 18.04.2024, ohne KI, artepj@web.de

Getting old

Takte einer Liedzeile erklingen. Tabea, die Tochter einer Freundin, greift in die Tasche, zieht das Smartphone heraus, wirft einen flüchtigen Blick auf den Bildschirm und steckt es zurück. „Oma Erika“, sagt sie freudlos. Der eingestellte Klingelton wiederholt sich in einer Endlosschleife bis er verstummt.

„Warum nimmst du den Anruf nicht an?“, frage ich.

Tabea sieht mich erstaunt an, „ich bin gerade nicht bereit.“

„Was meinst du?“, frage ich.

Sie zieht ihre jugendliche Stirn in erstaunlich viele Falten, drei Linien von einer Schläfe zur anderen.

Mit einem Tonfall, der keinen Zweifel lässt, dass die Frage sie nervt, sagt Tabea, „na, für ein Gespräch mit Oma.“

„Freust du dich nicht, dass sie sich für dich und dein Leben interessiert?“

Tabea stöhnt. „Sie ist eine Zeitfresserin.“

Die Freundin kehrt mit einem Tablett mit drei Gläsern Ingwertee und einem Teller mit Gebäck zurück. Der Drucker auf dem Arbeitstisch rattert.

„Ein Fax? Wer schickt uns ein Fax?“, fragt sie.

Tabea bearbeitet mit beiden Daumen gleichzeitig die winzige Tastatur ihres Smartphones. Ohne aufzuschauen, sagt sie, „wer schon? Oma Erikas Gesicht war vor zwei Minuten auf dem Display zu sehen.“

„Oh.“ Die Freundin seufzt, „Tabea beantwortet keine Anrufe sofort.“

„Ich rufe dich innerhalb von einer halben Stunde zurück“, schießt es aus Tabea heraus, „das ist sofort.“

„Okay, da hörst du es“, sagt die Freundin zu mir, „die Zeitrechnung meiner Tochter. Meine Schwiegermutter hat nie Zeit, schon gar nicht, auf einen Rückruf ihrer Enkelin zu warten. In ihren letzten Berufsjahren hat sie ihr Schreibwarengeschäft mit Telefon und Fax geführt.“

„Sie hat die ganze Familie mit Briefpapier, Füllfederhaltern und teuren Kugelschreibern ausstaffiert, die Standartgeschenke von Oma Erika zu allen feierlichen Anlässen“, sagt Tabea. „Für den Rest meines Lebens bin ich eingedeckt.“

Ich fische mit dem Löffel die in Scheiben geschnittene Ingwerwurzel aus dem Glas. „Schmeckt lecker, das Gebäck.“

„Backen kann sie, die Oma Erika“, sagt Tabea und steckt zwei Kekse in den Mund.

Die Freundin schiebt auf dem Tisch mit den Fingerspitzen Kekskrümel zu Häufchen. „Sie schreibt die Faxe auf einer Reiseschreibmaschine.“

„Mechanisch“, wirft Tabea dazwischen, „mit allen Fingern beider Hände blind, rhythmisch, nach einer Melodie, die außer ihr niemand hört.“

Die Freundin kichert, „wenn sie sich vertippt, überpinselt sie den falschen Buchstaben mit weißer Farbe und drückt den korrekten darüber. Du siehst das auf dem Fax.“

„Sie benutzt Tipp-Ex, eine Korrekturflüssigkeit, habe ich auch eingesetzt. Ich habe meine Abschlussarbeit auf solch einer Schreibmaschine geschrieben. Das ist Handarbeit, die eure Oma leistet, um mit euch zu reden“, sage ich bemüht, nicht vorwurfsvoll zu klingen. Ich halte einen Löffel mit Honig über das Glas. In einem langen Faden rinnt er in die Flüssigkeit. „Sie wäre zufrieden, wenn du ihren Anruf annehmen würdest“, sage ich zu Tabea.

„Ha, dann würde ich sie um die Freude bringen, die Tasten ihrer Schreibmaschine zu traktieren“, sagt sie. „Ich bin auf die Störung durch sie nicht vorbereitet. Sie zwingt mich, das, was ich mache, zu unterbrechen.“

„Du hast nichts gemacht, als deine Oma angerufen hat“, werfe ich ein.

„Doch. Du konntest nicht sehen, dass ich im Kopf die Mail formuliert habe, die ich gepostet habe. Ein Telefonat mit Oma Erika und alles, was ich mir zuvor vorgenommen habe zu schreiben, ist futsch.“

„Du hättest ihr sagen können, dass du sie später zurückrufst“, halte ich dagegen.

„Ha, du hast noch nie mit Oma Erika gesprochen. Außerdem finde ich Telefonanrufe übergriffig.“

Ich schüttele den Kopf. „Was? Grenzüberschreitend?“, frage ich um Fassung ringend.

„Schreiben ist besser. Man liest sich die Mail zwei, drei Mal durch, bewertet, was gemeint ist, formuliert die Antwort, prüft sie, lässt sich Zeit, bevor man sie abschickt. Nimmt man im Bus oder auf dem Schulhof solch einen überrumpelnden Anruf an, ist man abgelenkt, Leute kriegen das mit, in der Eile sagt man rasch was Falsches oder was, das der andere krummnimmt. Äußert man sich nicht gleich, entsteht Ungeduld. Will man keinen Kommentar abgeben, gibt es richtigen Stress, weil jeder die erhobene Stimme hören kann, die einen bedrängt. Ich will die Kontrolle über mein Leben behalten.“ Tabea hat sich in Fahrt geredet. Ihre Daumen trommeln auf dem Display herum. Sie hat sich bestimmt öfter vertippt als die Oma. Unsichtbar wird das Spracherkennungsprogramm es korrigieren.

Die Freundin füllt den Teller mit Keksen auf, „für alle, die zwanzig Jahre jünger sind als wir, sind die Messengerdienste das Medium der Kommunikation.“

Ich schaue sie spöttisch lächelnd an, „nett, wie du das ausdrückst. I am getting old, ich werde alt.“

© Petra Jakoby, 10.03.2024, ohne KI, artepj@web.de

Erich Kästner

Am 23. Februar vor 125 Jahren wurde der deutsche Schriftsteller, Publizist, Drehbuchautor und Kabarettdichter geboren. Seine vor 1933 erschienen Bücher wurden vom NS-Regimes verboten „wider den deutschen Geist“ und öffentlich verbrannt.

Einen ausführlichen Überblick zu seinem Leben und Werken siehe Eintrag vom 28.02.2024

wikipedia.org/wiki/erich_kästner

Die nachfolgenden Fotos zeigen 3 Wandgemälde am Erich-Kästner-Platz in Saarbrücken.

© Petra Jakoby, ohne KI, 29.02.2024, artepj@web.de

3 Wandgemälde am Erich-Kästner-Platz zeigen 3 Szenen: 3 Mäner in

Der lange Prozess der Entstehung eines Romans

Im vergangenen Jahr ist die Arbeit an meinen Manuskripten in den Hintergrund gerückt, weil mir die rasche Umsetzung einer Idee in einer Kurzgeschichte viel Freude bereitet hat. Das Eigenlektorat eines Romanmanuskripts fordert von mir ein hohes Maß an Geduld, Disziplin und Beharrlichkeit bis ich nach dem 10. oder 12. Überarbeitungslauf das Gefühl habe, der Roman ist fertig und ich zufrieden bin.

Meine Jahresplanung 2024 sieht vor, dass das Eigenlektorat des 3. Romanmanuskripts, Arbeitstitel Tek ker, take care, im Sommer dieses Jahres abgeschlossen wird. In der 2.Jahreshälfte plane ich den 1. Überarbeitungslauf der Rohfassung des
Manuskripts, das im November 2023 entstanden ist. Im NaNoWriMo 2024
könnte die Rohfassung einer Romanidee entstehen, die mich seit Monaten
gedanklich beschäftigt.© Petra Jakoby, ohne
KI, 22.02.2024, artepj@web.de

Pollensaison

Die Schneerose

Sie strahlt, rein, unschuldig, in vollendeter Schönheit und doch ist sie giftig für Mensch und Tier von der Wurzel bis zu den Staubblättern der Blüte. Ihr weithin sichtbares Leuchten zwischen tiefgrünen Blättern erfreut das Auge der Menschen in den Wintermonaten. Bei starkem Frost lässt sie den Kopf hängen, die Stängel werden schlapp, die Pflanze scheint gestorben zu sein. Steigen die Temperaturen an, richtet sie sich auf und blüht weiter.

© Petra Jakoby, ohne KI, 05.02.2024, artepj@web.de

Bienen waren sein Leben.

Neben der geöffneten Garagentür parkt das Moped. „Der Nachbar ist bei den Bienen“, sage ich zu dem Hund, der konzentriert an der Hecke schnüffelt. „Ich rieche den Tabak.“

„Hallo“, rufe ich dem Nachbarn zu.

Trauben von Bienen drängen sich in der Luft vor den Kästen.

Seine Hände stecken in Stulpenhandschuhen. In einer hält er einen Rahmen mit einer Wabe. Mit der anderen schlägt er das Netz vor seinem Hut zurück, nimmt die Imkerpfeife aus dem Mund, „bitte gehen Sie rasch vorbei, ich nehme den Bienen den Honig, das haben sie nicht gerne.“

Auf dem Nachhauseweg kommen wir erneut an den Bienenkästen vorbei, der Schwarm hat sich beruhigt, nur ein paar Bienen fliegen herum. Imkerhut, Handschuhe und Pfeife liegen auf dem Mauersims. Der Nachbar ist über einen Plastikcontainer auf einem Rollbrett gebeugt. Behutsam lässt er einen Rahmen mit einer Wabe zu den anderen gleiten, richtet sich auf und lächelt.

Ich zeige auf den Container, „das werden ein paar Gläser Honig.“

„Ja, sie waren fleißig.“ Er legt seine Hände auf den Mauersims. Die Haut der Finger sieht rau und rissig aus. Wir plaudern, tauschen nachbarschaftliche Belanglosigkeiten aus. Eine Biene landet auf seinem Handrücken. Ich kann den Blick nicht abwenden. Der Imker lächelt, „schauen Sie“, er streicht mit dem Zeigefinger über ihre zusammengefalteten Flügel.

„Außergewöhnlich!“, sage ich ergriffen, „noch nie habe ich gesehen, dass sich eine Biene streicheln lässt.“

„Meine Frau hat Angst vor Bienen. Sie hat zur Bedingung gemacht, dass ich ein Volk pflege, das friedliebend ist. Wenn sie nicht angegriffen werden, verteidigen sie sich nicht.“

Wochen vergehen, ohne, dass ich den Nachbarn wiedersehe. Fremde kommen, bauen die Zuchtkästen ab.

Monate später treffe ich seine Frau. „Wir haben ein schreckliches Jahr hinter uns. Zuerst bin ich in der Garage auf ein Rollbrett getreten, das mit mir weggerollt ist. Dabei ist der Fuß umgeknickt und das Bein gebrochen. Es wurde zwei Mal operiert. Mein Mann hat mich im Krankenhaus besucht. Er ist immer mit dem Moped gefahren. Alle haben gesagt, er soll das Auto nehmen. Mit dem Moped fände er jederzeit einen Parkplatz war sein Gegenargument. Bei einer Besuchsfahrt hat ihn ein Auto übersehen. Wochenlang lagen wir im gleichen Krankenhaus, einer auf einer oberen, der andere auf der unteren Etage. Ich lernte, mich mit dem Rollstuhl, anschließend mit Gehhilfen zu bewegen. Er nicht. Sämtliche Knochen seiner linken Körperhälfte vom Hals bis zum Fuß waren gebrochen.“

Tränen füllen meine Augen, „oh, das ist ja schrecklich, was sie durchgemacht haben. Das tut mir leid.“

Die Frau schluckt, ringt sich ein gequältes Lächeln ab, „letztlich hat sich alles gefügt, wenn auch anders, als ich erwartet hatte.“

Ich sehe sie fragend an.

„Na ja, auch wenn es hart klingt, aber für ihn war es eine Erlösung. Er hat die stationäre Behandlung nicht überlebt. Sein Bienenvolk aus der ersten Etage unseres Hauses durch das Fenster zu beobachten, das wäre die Hölle für ihn gewesen, das hätte er nicht verkraftet. Bienen waren sein Leben.“

© Petra Jakoby, 22.01.2024, ohne KI, artepj@web.de